Kieler Mädchen im Tatort München
Für die 16-jährige Gymnasiastin Laura Baade ist der Berufswunsch Schauspielerin nicht irgendeine fixe Idee. Sie ist schon mittendrin im Geschäft. Im Tatort „Jagdzeit“, der morgen ausgestrahlt wird, spielt sie neben den beiden Kommissaren die wichtigste Rolle.
Zu diesem Interview mussten wir dich ja fast überreden. Scheust du den Rummel?
Ach, ich will mich nicht so in den Vordergrund stellen. Ich finde das nicht besonders angemessen.
Immerhin spielst du quasi die Hauptrolle in dem Tatort, den sich am Sonntag mehrere Millionen Fernsehzuschauer anschauen werden. Hast du ihn schon gesehen?
Nein. Filme kriegt man generell vorher nicht zu sehen, wegen der Gefahr, dass sie schon vorher in Umlauf kommen.
Es ist ja deine bisher größte Rolle - bist du aufgeregt?
Ja! Ich bin super aufgeregt. Ich habe etwas Angst, dass ich mich in dem Film vom Schauspielerischen überhaupt nicht überzeugend finde. Vom Aussehen her weiß ich schon, dass es nicht so der Traum ist. Ich habe ein Mädchen gespielt, dass aus sehr einfachen Verhältnissen kommt. Sie sollte ein bisschen korpulenter sein, daher musste ich Klamotten anziehen, die total auftragen und auch die Kameraeinstellungen sind so, dass ich schon ganz schön füllig aussehe. Also, eitel darf man echt nicht sein.
Stehst du da nicht drüber?
Naja, sonst fühle ich mich wohl, so wie ich bin. Aber als ich den Trailer im Internet gesehen habe, musste ich schon schlucken.
Wer wird denn bei dir sein, wenn du dir den Film ansiehst?
Ein paar Freunde und meine Familie.
Die Situation ist ja nicht neu für dich, du schauspielerst schon länger.
Ja, ich habe mit sieben Jahren angefangen. Die Kinderschauspielschule „TASK“ aus Hamburg hat damals begonnen, Kurse in Kiel anzubieten. Weil ich mir schon immer gerne Geschichten ausgedacht habe und diese dann gespielt habe - meine Eltern mussten öfters mal als Spielpartner herhalten - habe ich das einfach mal ausprobiert. Inzwischen bin ich schon seit acht Jahren dabei. Einmal in der Woche habe ich Schauspielunterricht. Da erarbeiten wir uns unter anderem Theaterstücke, haben schon selber Filme gedreht, machen Improvisationstheater - das heißt, dass man nicht nach einem vorgegebenen Text spielt, sondern das, was einem gerade in den Sinn kommt. Das macht mir unglaublich viel Spaß und man lernt dabei auch viel über sich selbst.
Und wie bist du dann an die Rolle im Tatort gekommen?
Vor einigen Jahren hat mich meine jetzige Agentur „TASK“ zum Aufnahmecasting eingeladen. Ich musste etwas vorspielen und wurde in die Kartei aufgenommen; Regisseure suchen sich daraus die passenden Schauspieler aus, und man wird dann zu Castings für die Filmproduktionen eingeladen. Für den Tatort musste ich direkt nach München zum Casting, während des Vorsprechens hatte ich schon ein ganz gutes Gefühl. Als meine Agentur mir dann sagte, dass ich die Rolle bekommen hätte, konnte ich das erst gar nicht glauben und war den restlichen Tag total hibbelig und aufgedreht.
Wie laufen diese Castings für Kinderdarsteller eigentlich ab?
Also, das ist nicht so wie bei Germanys next Topmodel oder so, dass da Hunderte von Bewerbern stehen und ihren Text vortragen, sondern es sind immer nur wenige gleichzeitig dort, die dann vor oder nach einem dran sind. Die Szene hat man ja schon vorher zugeschickt bekommen und muss den Text auswendig können. Man stellt sich vor die Kamera und spielt vor; der Caster sagt dann manchmal, dass man das noch anders spielen sollte, um zu sehen, wie wandelbar man ist.
In dem Tatort spielst du eine 13-Jährige, die Zeugin eines Mordes wird, und daher selbst in Gefahr ist. Das Mädchen kommt aus sehr schwierigen sozialen Verhältnissen. Das ist weit weg von deiner eigenen Realität. Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?
Ich habe das Drehbuch mehrmals gelesen und natürlich die Texte gelernt, man muss ja sehr sicher sein mit den Texten, da man sich während des Drehs auf alles Mögliche konzentrieren muss, richtig zur Kamera zu stehen, in jeder Einstellung die gleichen Bewegungen zu machen und, und, und. Ansonsten habe ich mir einfach vorgestellt, wie es dieser Nessi ergeht. Sie hat eine suchtkranke Mutter, um die sie sich immer kümmern muss, deswegen hat sie keine Freunde und ist total auf sich gestellt. Ich habe mir versucht vorzustellen, wie sie sich fühlt. Obwohl mein eigenes Leben ja das totale Gegenteil ist, konnte ich mich ganz gut in sie hineinversetzen.
Du wohnst ja bei deiner Mutter in Kiel und gehst in die 10. Klasse der Ricarda-Huch-Schule. Gedreht wurde aber vor so ziemlich genau einem Jahr viereinhalb Wochen lang in München - wie habt Ihr das geregelt?
Ein Teil fiel in die Ferien und in die Praktikumszeit - ich musste dann nur zweieinhalb Wochen nachholen und das hat ganz gut geklappt. Die erste Hälfte der Drehzeit war meine Mutter mit in München, die zweite mein Vater. Wir haben in einem Hotel gewohnt. Für meine Eltern war es ein bisschen öde, die mussten die ganze Zeit am Set dabei sein, weil ich ja gerade erst 15 war, als ich gedreht habe.
Und wie wars für dich?
Das Drehen war anstrengend, aber in erster Linie total erfüllend und überwältigend. Es hat mir Riesenspaß gemacht und mit der Zeit wurde ich auch immer entspannter. Wenn so viel um einen herum ist und man alle Emotionen auf Abruf parat haben muss, ist es schwer, sich für den kurzen Moment wirklich in eine Rolle hineinzuversetzten, aber auch das fiel mir mit der Zeit immer leichter. Das schönste Gefühl ist für mich, wenn ich während des Drehs vergessen habe, dass ich spiele. Beim Drehen muss man aber auch ganz viel warten. Es dauert halt, bis die Beleuchtung stimmt, die Kamera richtig eingestellt ist, bis andere Szenen fertig gedreht sind und so weiter. Ich hatte für diese Zeit einen Wohnwagen, den ich mir mit einer anderen Schauspielerin geteilt habe.
Du hast ja auch eng mit Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, die die Münchner Tatortkommissare spielen, zusammengearbeitet. Bist du mit den beiden gut klargekommen?
Die waren beide total lieb, überhaupt nicht überheblich. Ich war wirklich beeindruckt von denen. Dabei war ich ja schon die Kleine, aber die haben mich trotzdem für voll genommen. Das ganze Drehteam war supernett.
Wie finden es denn deine Freunde und Mitschüler, dass du im Tatort mitspielst?
Die freuen sich für mich und finden das spannend, es ist aber nicht so, dass wir uns dauernd darüber unterhalten.
Neben dieser großen Rolle hattest du noch drei weitere, eher kleinere Rollen in Fernseh- und Kinofilmen. Wie stellst du dir deine weitere Laufbahn als Schauspielerin vor?
Ich würde es so gerne weiter machen, mein Traum wäre, nach dem Abi an eine Schauspielschule zu gehen. Aber finanziell ist das echt ein harter Job. Es ist nur ein so kleiner Prozentsatz, der wirklich von dem Beruf leben kann. Mal sehen, was ich mache, ich gehe erst mal weiter zur Schule. Zum Glück habe ich ja noch Zeit.
Karen Schwenke | Kieler Nachrichten 9. April 2011