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stafette

Bühne frei!

stafette | 1. Februar 2007 | von EVA MARIA WERNER

"Ameisen kriechen die Beine hoch. Wie das juckt! Ein Dieb drückt sich heimlich an der Hauswand entlang. Unsicher wackelt eine Oma über die Straße. Willkommen in der Kinderschauspielschule!“

Eine lange Schlange windet sich durch den Raum, in großen, weiten Linien. Von ihrem Kopf her kommt ein Zischen, das alle Gliedmaßen sofort aufnehmen. Dann wirft sich die Schlange plötzlich auf den Boden, krabbelt auf allen Vieren, bevor sie wie ein Frosch zu hüpfen beginnt und laut "quak, quak" ruft. Komische Schlange, oder?

Nicht unbedingt. Die "Schlange", das sind zehn Mädchen und zwei Jungs, die am Unterricht der Kinderschauspielschule TASK teilnehmen und ihre Stunde mit ein paar Aufwärmübungen beginnen. "Was mir am besten am Schauspielunterricht gefällt, ist, dass wir so in uns reingehen, unsere Last abwerfen", sagt Funda. Die Last, das ist zum Beispiel ein langer Schultag mit Mathearbeit, am Nachmittag noch Hausaufgaben, die TASK-Schüler schütteln all das ab - im wahrsten Sinne des Wortes. Sie schütteln Arme und Beine, dann die Schultern und schließlich noch den Kopf, bis der ganze Körper vibriert und zappelt. Dazu stoßen sie Schreie aus: "Uah! Puh! Grrrr! Aahh!" Nach einer Zappelminute kommen alle wieder zur Ruhe. Funda streicht Arme und Beine aus. Von oben nach unten. Das tut gut.

TASK ist die größte Schauspielschule für Film und Theater in Deutschland. 250 Kinder und Jugendliche nehmen jede Woche am Unterricht in Hamburg, Köln, Hannover, Kiel, Bremen und München teil. "Auch wenn es ,Unterricht' heißt - das, was wir bei TASK machen, hat nichts mit Schule oder Leistungsdruck zu tun. Es geht nicht darum, Noten zu verteilen", stellt Schauspiellehrerin Kerstin Becke klar. Die junge Frau ist selbst Schauspielerin und mit großem Elan dabei, wenn es darum geht, Kindern und Jugendlichen das Spiel vörder Kamera oder auf der Theaterbühne zu ermöglichen.

„Ameisen-Überfall"

Ihre Münchner TASK-Schüler haben sich im Schneidersitz in einem Kreis auf den Boden gesetzt. Die Nachmittagssonne scheint in ihren großen, hellen Übungsraum mit Spiegelwand. Bis auf vier Stoffvorhänge, die an Stützpfeilern befestigt sind, ist der Raum leer. Keine Requisiten? "Nein, unsere Stimme und unser Körper bieten so viele Ausdrucksmöglichkeiten, die wir zuerst entdecken wollen. Kostüme oder Gegenstände wie Regenschirme, Hundeleinen oder Fußbälle würden uns dabei nur stören", erklärt Kerstin. Und wie zum Beweis dafür zeigt die Gruppe dann auch, dass sie Requisiten gar nicht nötig hat. "lch, Patrick, schicke Anne einen großen Haufen Ameisen!" Patrick öffnet seine Arme und schon krabbelt das Getier los. Läuft an Annes Bein hoch, kriecht unter ihren Pulli. Anne verzieht das Gesicht, dieser Ameisenüberfall ist ihr überhaupt nicht geheuer. Doch plötzlich kommt ihr eine Idee. Mit flinken Händen sammelt sie die kleinen Krabbler ein und verschließt sie in Gläser. Fertig! Obwohl Anne kein Wort gesprochen hat und die ganze Geschichte nur mit Gesten darrgestellt hat, haben wir verstanden. Sie hat einfach gut und überzeugend gespielt.

Omas, Monster, Seiltänzer

Jetzt geht es darum, verschiedene Personen, Charaktere, darzustellen. Wie läuft eine alte Oma über die Straße? Etwas unsicher wackelt sie an ihrem Stock mit kleinen Schritten vorwärts. Und ein Dieb? Er schaut sich immer wieder verstohlen um, geht fast lautlos und drückt sich an der Hauswand entlang. Die TASK-Schüler brauchen nur ein Stichwort von Kerstin zu hören, zum Beispiel Dieb, Oma, Monster, Krabbelkind, schon haben sie eine Idee, wie sie den Charakter darstellen können. Sie wissen: Ihre Haltung macht die Figur aus und sie müssen ganz deutliche Gesten machen, damit das Publikum sofort erkennen kann, um welchen Charakter es sich handelt. Zwischendurch ruft Kerstin "freeze" (das ist Englisch und bedeutet "einfrieren"). Sofort bleiben alle in der Bewegung stehen, die sie zuletzt ausgeführt haben. Isabella mit gekrümmtem Rücken, die linke Hand ins Kreuz gestemmt, mit der rechten auf den Spazierstock gestützt. Franka hat gerade ein Bein gehoben und muss jetzt auf einem ausbalancieren - bis das erlösende "und weiter" kommt.

Große Karriere

Die meisten TASK- Schüler nehmen am Unterricht teil "weil es einfach Spaß macht und wir so viel ausprobieren können", sagt Funda. Manche haben aber auch große Pläne: Sie möchten irgendwann einmal als Berufs-Schauspieler auf einer Theaterbühne stehen oder in einem Film mitspielen. Die Darstelleragentur, die zur Schauspielschule gehört, hat schon einigen Schülern eine Rolle bei Film und Fernsehen vermittelt. TASK-Schüler haben zum Beispiel in Filmen wie "Die wilden Kerle" oder Serien wie "Da kommt Kalle" und "Großstadtrevier" mitgespielt. Was zeichnet einen guten Schauspieler aus? Kerstin meint: "Mut, Neugierde, Spaß am Erleben des eigenen Körpers, Kreativität, Fantasie und eine kleine Portion Verrücktheit." Manche Kinder bringen das schon mit, andere lernen es im Schauspielunterricht. Hier wird niemand ausgelacht und jeder nimmt sich die Zeit, die er braucht, um ganz frei zu werden.
Zum Abschluss teilt Kerstin ihre Gruppe in Paare ein. Jedes Paar erhält von ihr einen Zettel mit einer Ortsangabe (zum Beispiel "Berg") und einem Satz (zum Beispiel "Das schaffen wir nicht mehr"). Fünf Minuten hat ein Paar dann Zeit, sich zu überlegen, was es daraus macht. Dann heißt es: "Und bitte! Nehmt euch die ganze Bühne, sie gehört euch!" Das lassen sich die Kinder nicht zweimal sagen!


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