
Luna - Magazin | Sommerausgabe 2007 | von UDO TAUBITZ
Immer mehr Kinder träumen davon, Schauspieler zu werden. Casting-Shows und Blitzkarrieren in Daily-Soaps verleiten zu der Annahme: Das ist alles ganz easy. Doch die Realität sieht anders aus. Und neben Talent braucht der Nachwuchs eine gute Ausbildung. Unser Autor hat Schauspielen für Kinder in Köln und Hamburg besucht.
Ein fensterloser Raum in einer schmucklosen Hinterhofbaracke. Zwei Mädchen streiten sich lautstark um ein Mobiltelefon. "Hast du mein Handy geklaut? - "Nein! Das würde ich doch niemals tun!" - "Ja klar, dann zeig mal bitte!" Auf dem Stundenplan der Kinderschauspielschule in Köln steht heute das Thema "Wut". Fünf Mädchen und ein Junge spielen paarweise kurze Szenen, die sie sich spontan selbst ausgedacht haben. Die Kids auf der Bühne sollen sich streiten und richtig wütend werden. Aber immer wieder fallen sie aus ihrer Rolle, kichern und müssen von vorne anfangen. "Es ist manchmal schwierig, den Ausdruck richtig zu zeigen und dabei nicht zu lachen", weiß Felicitas. Sie ist neun Jahre alt und bekommt schon seit zwei Jahren Schauspielunterricht. Wenn sie groß ist, möchte sie am liebsten in Musicals auftreten.
Immer mehr Kinder in Deutschland träumen von einem Beruf im Rampenlicht. Casting-Shows und Blitzkarrieren in Daily-Soaps verleiten zu der Annahme, das sei alles ganz easy: Ich stell mich einfach vor die Kamera und spiel drauflos und dann werd' ich entdeckt. Aber in Wahrheit sind Naturtalente, so genannte Burner sehr, sehr selten. Deshalb gilt: Früh übt sich, doch es gibt hierzulande kaum Schauspielschulen für Kinder und Jugendliche. Wenn man deutsche Filme sieht, spielen die Kinderdarsteller oft ziemlich schlecht. "Meiner Meinung nach sind Kinder nur dann schlecht, wenn sie überfordert sind", sagt Hella Peperkorn, Leiterin der Kinderschauspielschule "Task" in Hamburg. "Wenn Kinder ins kalte Wasser geworfen werden, wenn sie an einen Filmset kommen, 40 Leute stehen drum herum, und sie wissen nicht genau: Was muss ich tun, wo muss ich hin, was muss ich als erstes machen? Und sollen dann auch noch spielen!"
Rund 250 Nachwuchstalente im Alter von sechs bis 19 lernen derzeit bei "Task" in Hamburg das Handwerkszeug für Theater und Film. Auf dem Stundenplan stehen Stimm- und Sprachschulungen, Körperbeherrschung, Wahrnehmungsübungen, Bühnenpräsenz. eineinhalb Stunden dauert der Unterricht, einmal die Woche nach der normalen Schule. Das ist nicht viel, und hier gibt's auch keinen strengen Drill wie in den Talentschmieden Hollywoods. Trotzdem werden die Schüler von Produktionsfirmen gerne gebucht. Bekannte Kinderserien wie "Die Pfefferkörner" oder Evergreens wie der "Tatort" drehen regelmäßig mit Kinderdarstellern von "Task". Der zwölfjährige stand letztes Jahr sogar mit Johnny Depp vor der Kamera, für die Neuverfilmung des Klassikers "Charlie und die Schokoladenfabrik". Für Philip gab's dabei viel aufregenden Starrrummel, aber auch schwer zu tragen: Er musste nämlich den ganzen Tag mit einem so genannten Fat-Suit, der stolze neun Kilos auf die Waage brachte, herumrennen. So konnte er glaubhaft das Dickerchen verkörpern, ohne sich noch extra was auf die Rippen zu futtern. "Wir haben ja im Sommer gedreht und in den Studios war es extrem heiß - es war schon super anstrengend, überhaupt bis zum Set zu kommen", erinnert sich der Jungstar an die beschwerlichen Wege zu den verschiedenen Drehorten in London. Aber der Dreh habe ihm trotzdem immer viel Spaß gemacht, und die Kamera konnte ihn nicht einschüchtern - denn Kameraarbeit kannte er schon von der Kinderschauspielschule.
Ganz billig ist das Training bei "Task" nicht: mindestens 60 Euro pro Monat. Wer Eltern hat, die das bezahlen können, hat nicht nur bessere Chancen auf einen Einstieg in den Darstellerberuf, sondern kann auf der Bühne auch seinen Horizont erweitern, spielerisch neue Bereiche erkunden, die aus dem Erwachsenenleben herüberwehen und Kinder faszinieren. In den Improvisationsübungen geht es um Themen wie die erste Liebe oder Alkohol, Zigaretten und sonstige Drogen. Die Kinder können auch durchspielen, wie es ist, Vater oder Mutter zu sein. Man kann auf der Bühne einfach schon mal ein bisschen älter tun. "Jedes Neuland ist aber auch mit eigenen Grenzen verbunden, die man sprengen muss", sagt Schulleiterin Peperkorn. Das sei oft ganz schön anstrengend. Es gäbe zwar keine Tränen, aber viele innere Kämpfe - die nach außen gebracht werden. Vielleicht erspart das manchem später die Psychotherapie. Saskia, 13, möchte "lernen, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen". Und später will sie Schauspielerin werden - wie fast alle hier.
Insbesondere für Mädchen ist der Schauspielerberuf wahnsinnig verlockend. Kein Wunder, denn junge, erfolgreiche Filmsternchen werden in unserer Gesellschaft wie Göttinnen verehrt. Davon liest man in Zeitschriften, sieht es im Fernsehen. Dass die Realität für die allermeisten Schauspieler anders aussieht, wird ausgeblendet. Tatsächlich ist dieser Job harte Arbeit: ewig lange Texte auswendig lernen, Knochenbrüche, unregelmäßige Arbeitszeiten, miese Regisseure, seine Rollen kann man sich selten aussuchen. Wenn's schlecht läuft, erntet man Buhrufe oder persönliche Kritik, wenn's gut läuft, Neid und Missgunst der Kollegen. Die Konkurrenz ist groß und sie wächst rasant, seitdem Privatsender immer mehr billige Ungelernte für Vorabendserien engagieren. Viele studierte Schauspieler müssen nebenbei Taxi fahren. Trotzdem bleiben die Ausbildungsplätze an den staatlichen Schauspielschulen heiß begehrt. An der berühmt-berüchtigten Talentschmiede "Ernst Busch" in Berlin schaffen jährlich nur 30 von 1000 Bewerbern die Aufnahmeprüfung. Es braucht extremes Durchhaltevermögen, körperliche wie seelische Kraft und einen Schuss Besessenheit, damit aus einem Talent ein Könner werden kann.
Junge Talente bei "Task" haben ganz gute Chancen auf frühe Fernsehengagements. Der Schauspielschule mit Filialen in Hamburg, Köln, Hannover, Kiel, Bremen und München ist eine Darstelleragentur angebunden. Für jede Jobvermittlung kasssiert die Agentur eine Provision. Die Gagen für die Kids bewegen sich zwischen 150 und 800 Euro pro Tag. Mehr, als mancher Erwachsene verdient. Manchen Kindern sitzen ehrgeizige Eltern im Nacken, die ihre Kleinen groß rausbringen wollen. "Aber die Dozenten bekommen schnell mit, ob die Kinder Lust haben", sagt Hella Peperkorn. Die meisten Eltern sähen in der Schauspielerei vor allem eine kreative Freizeitbeschäftigung fur ihre Kinder - besser als Computerspiele. Die Mutter von Felicitas freut sich, dass die Aussprache ihrer Tochter "einfach besser geworden ist und dass sie gelernt hat, vor vielen Menschen zu reden, das ist auch gut für die Schule". Die Szenen, die die Kinder spielen, werden auf Video aufgezeichnet. Anschließend gucken sich alle zusammen das Video an: Hab' ich laut genug gesprochen? Kommen die Gefühle richtig rüber? Was sagt meine Körpersprache?
Bleibt die besorgte Frage von Eltern und Pädagogen: Darf man Kinder auf gespielte Emotionen dressieren? Bei Trainerin Michaela Prina in Köln muss niemand auf Knopfdruck weinen. "Die Kinder sollen nicht so tun, als ob, sondern die Dinge ganz direkt meinen.
Der erste Schritt ist, dass sie sich trauen, dem anderen in die Augen zu gucken." Felicitas und Vivian gelingt das am Schluss ganz gut, bei ihrem Streit ums Handy. Als sie fertig sind mit Anbrüllen, lachen alle erleichtert auf. Auch wenn es später mit der Schauspielerkarriere vielleicht nicht klappen sollte - wenigstens hatten sie eine Menge Spaß.
Mercedes Zierau (11) kam mit sieben Jahren zur Task-Schauspielschule in Hamburg. Eigentlich sollte die Schauspielerei nur ein Hobby sein, so, wie für andere Mädchen Reiten oder Ballett. Doch schon nach einem Jahr auf der Schule kam die erste Anfrage für den Auftritt in einer Sat.1-Serie. Seitdem ist das Hobby zur Leidenschaft geworden. Und Mercedes hat bereits an der Seite von Ursula Karven gespielt. Selbst Theaterstücke von Bertholt Brecht sind für den kleinen Nachwuchsstar ein Kinderspiel.
Wie begann deine Schauspielkarriere?
Im Sommer vor ungefähr vier Jahren war ich an einem See in der Nähe von Hamburg baden. Da habe ich ein Mädchen kennen gelernt, die auf die Schauspielschule ging. Das fand ich super. Da ich irgendwie noch nie ein richtiges Hobby hatte, hab' ich gedacht: "Dann ist das jetzt halt mein Hobby!" Außerdem hatten mir auch schon viele Freunde und Bekannte gesagt, dass ich bestimmt eine gute Schauspielerin wäre. Da habe ich mich bei der Task-Schauspielschule angemeldet und war drei Jahre dort.
Was hat dir im Unterricht am meisten Spaß gemacht?
Wir haben viele Spiele gespielt. Das war lustig! Da konnte man so aus sich heraus gehen. Wir mussten zum Beispiel durch den Raum laufen und Sprachübungen machen. Oder wir mussten uns unterhalten und durften die ganze Zeit ein bestimmtes Wort nicht benutzen, zum Beispiel "nein". Wir haben viel improvisiert und Gespräche nachgestellt. Wir waren oft sehr albern. Ich habe auf der Schauspielschule viele Freunde gefunden. Ein bisschen blöd war nur, dass immer wieder neue Schüler in den Kurs kamen, dann mussten wir wieder von vorne anfangen. Das war nachher ein bisschen langweilig.
Kommt jeder, der auf der Task-Schauspielschule war, automatisch in die "Task"-Agentur?
Nein. Die ganze Schule führt einmal im Jahr ein Theaterstück auf. Da kommen dann auch die Leute aus der Agentur und gucken, wer besonders gut spielt. Mich hat mein Schauspiellehrer irgendwann gefragt, ob ich Lust hätte, in die Agentur aufgenommen zu werden. Dann musste ich noch ein Casting machen, und das hat geklappt!
Bist du noch bei anderen Agenturen?
Nein.
Wie kommst du an deine Schauspiel-Jobs? Regelt die Agentur das alles für dich?
Zuerst ruft die Produktionsfirma bei der Agentur an und erzählt denen, was sie suchen. Also zum Beispiel ein Mädchen, das ungefähr zehn Jahre alt, 1,40 Meter groß ist und lange, dunkelblonde Haare hat. Dann sucht die Agentur ein paar Mädchen raus und schielet denen Fotos und Lebensläufe. Wenn die Mädchen passen, werden sie zu einem Vorsprechen eingeladen.
Und wie läuft so ein Casting ab?
Ich bekomme meistens vorher eine bestimmte Szene zugeschickt. Dann muss ich den Text lernen. Als ich noch in der Schauspielschule war, hat mir mein Schauspiellehrer dann gezeigt, wie ich was am besten spiele. Es sind immer ganz viele Kinder aus verschiedenen Agenturen zu so einem Vorsprechen eingeladen. Das kann dann schon mal über mehrere Runden gehen.
Bist du dann aufgeregt?
Ja, schon. Man weiß ja nie, welchen Typ die suchen. Ich bin zum Beispiel eher schüchtern und kann besser ruhige oder traurige Rollen spielen. Meine Freundin ist immer ganz aufgedreht beim Casting, die kriegt dann immer die frechen Rollen.
Du spielst auch Theater ...
Ja. Ich habe am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg in dem Stück "Der kaukasische Kreidekreis" von Brecht mitgemacht. Da hatte ich allerdings nur einen Satz, aber ich musste die ganze Zeit auf der Bühne sein.
Was macht dir mehr Spaß: Film oder Theater?
Spaß macht mir beides. Film ist einfacher, weil es nicht so schlimm ist, wenn man sich vertut. Man kann ja alles noch mal drehen. Es sehen einen viel mehr Leute im Fernsehen als im Theater. Das Theaterspielen macht mir aber auch Spaß. Es ist schön, die Reaktion der Leute direkt zu erleben. Richtigen Applaus zu bekommen ist schon toll!
Wer ist dein Lieblingsschauspieler? Hast du ein Vorbild?
Jonny Depp finde ich sehr lustig und Jennifer Aniston. Ihre Filme mag ich sehr.
Was willst du später einmal werden?
Das weiß ich noch gar nicht so genau. Ich will schon einen richtigen Beruf lernen, aber, wenn es geht, als Hobby weiter schauspielern.